Wir müssen den Tatsachen in ihre widerwärtigen Augen blicken: In einigen Stunden wird ein weiteres Jahr grausam dahinscheiden, und wir können dagegen nichts machen. Zuletzt hatte es unser aller Kumpel 2007 erwischt, und nun ist also sein Nachfolger 2008 an der Reihe, entthront zu werden. Zur Beruhigung kann ich euch allerdings eins ganz sicher sagen: Was mit uns passiert, hat mit der Zahl am Ende des Jahres soviel zu tun wie Scientologen mit geistiger Gesundheit. Trotzdem kann man sich des Jahreswechsels nicht entziehen, was auch an der beträchtlichen Menge an Vollidioten liegt, die völlig zugeschüttet böllernd durch die La-Bomba-gepflasterten Straßen torkeln werden. Da mag man schon fast gar nicht mehr glauben, dass jemand was sinnvolles macht, und ich kann das Klischee nur bestätigen, schreibe ich doch gerade einen Jahresrückblick. Aber das muss halt auch mal sein, da es ja noch nicht genug davon gibt, so wie kleine Emo-Kiddies.
Januar
Bereits am Anfang war genug Potential für ein Kackjahr vorhanden. Mit der Vorratsdatenspeicherung, die einigen wohl zumindest ein schlechtes Gewissen beim Laden ihres Charts-Gedudels von 3dl.am bereitete, bewegten wir uns nämlich ein weiteres, wichtiges Stück in Richtung Überwachungsstaat.
Zur gleichen Zeit verhängte man das gastronomische Rauchverbot. Das führte zu unzähligen hirnrissigen Beschwerden der Raucher. Fehlte nur noch, dass sie ihre eigene Partei gründen und Spendengalas mit Vertretern von amnesty international veranstalten, weil sie so scheißenungerecht behandelt werden. Ich wäre eher für das Eingeständnis des eigenen Suchtproblems, aber da bin ich ja nicht maßgebend. Was sagen die dann erst, wenn die Todesstrafe fürs Rauchen kommt, wie einst im Herzogtum Lüneburg?
Februar
Ein guter Monat war das. Durch eines der in diesem Zeitraum veröffentlichen Bücher wurden selbst die lesefaulsten Hohlbratzen der heutigen Jugend wieder an die Literatur herangeführt. Das Problem ist nur, dass es sich auf jeder der 220 Seiten um Analfissuren, Muschikeime und darum dreht, was sich Hauptfigur Helen mit Vorliebe in welche Körperöffnungen einführt. Die Rede ist natürlich von „Feuchtgebiete“, und ich finde es wirklich geschickt, wie Autorin Charlotte Roche das gemacht hat: Die ganze Scheiße hat keinerlei literarischen Anspruch und doch kann jeder vorgeben, dass er jetzt auch mal ein Buch liest und sich toller fühlen als Marcel Reich-Ranicki beim Ablehnen von Preisen. Im Übrigen: Wie kann eine Frau, die so gut aussieht auf solch ekelerregende Sachen kommen?
Ansonsten durfte sich das Bundesverfassungsgericht der Sympathie der Bürger erfreuen, als es entschied, dass die staatliche Durchsuchung von Computern nur unter strengen Auflagen zulässig ist. Den Gesetztestext versteht allerdings niemand, der keinen Juristenberuf als sein Ziel ansieht, also kann ich mir weitere Kommentare dazu auch gleich schenken, bevor man sieht, dass ich keine Ahnung habe.
März
Nachdem das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend die Indizierung des Ferkelbuchs forderte (also, gemeint sind nicht die Feuchtgebiete, sondern ein religionskritisches Kinderbuch), weil es antisemitisch sei und die Juden als furchteinflößend darstellte, lehnte die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien den Antrag ab. Ob dieser Entscheidung muss man ja schon fast applaudieren. Denn einer Prüfstelle, bei der Drogenmissbrauch anscheinend eine Job-Voraussetzung ist und die beispielsweise das Die-Ärzte-Lied „Geschwisterliebe“ indiziert, traut man eigentlich keine nachvollziehbaren Entscheidungen zu.
Selbige ließen sich auch in meinem persönlichen Umfeld nicht blicken. Es hieß nämlich wieder einmal: „Nee, dich nicht. Ich nehm lieber nen anderen Evolutionsbremser, der in zwei Monaten eh ne andere befingert und mich zum Objekt degradiert, aber dich nicht!“. So hatte der eher ereignislose März letztendlich immerhin einen Lehrwert.
April
Es gab großen Grund zur Freude aller minderbemittelten Redakteure der deutschen Medienlandschaft. Endlich hatte sich mal wieder ein Thema gefunden, das genüsslich ausgeschlachtet werden konnte. Dankbar konnte man da Josef Fritzl sein, der seine Tochter über 20 Jahre in einem Keller gefangen hielt und auch noch Kinder mit ihr zeugte. Nach der Entdeckung war die Bestürztheit verständlich groß, und der Fall war aus den Berichterstattungen noch weniger wegzudenken als die abgefuckte Amy Winehouse. Und die Onlinemagazine konnten mit Bildergalerien des Kellerverlieses wunderbar ihre Klickzahlen erhöhen.
Das war allerdings auch mit einem anderen Thema möglich: den Titten der Kanzlerin! Auch diese Bilder sah man in unterschiedlichen Zoomstufen immer wieder auf den Zeitungen und im Internet. Für bis heute anhaltende Traumata hätte ich durchaus Verständnis.
Mai
Bei mir und allen anderen Zehntklässlern auf der Realschule standen die Prüfungen an. Da traf sich das Bekanntwerden der sogenannten Telekom-Überwachungsaffäre gut, denn das konnte man ganz toll in der mündlichen Gemeinschaftskunde-Prüfung verwursten (in der ich übrigens eine 1 bekam … ja, großartig, ich weiß. Die Lehrerin meinte, ich war an meinem Prüfungstag der einzige, der den sächsischen Ministerpräsidenten nennen konnte, aber bitte – keinen Applaus jetzt).
Nochmal für die Leute, die da gerade in einem Delirium oder ähnlichem lebten: Es gab bei der Telekom ein Leck, durch das vertrauliche Informationen an Zeitschriften gelangten. Um dieses zu finden, bediente man sich intern einigen illegalen Methoden, wie der Abhörung von Mitarbeitern und dem Beschaffen von Verbindungsdaten, anhand derer man herausfinden wollte, wer mit Journalisten sprach. Wer das nicht fragwürdig findet, hält das, was Scooter machen, für Musik.
Juni
Irland lehnt den Vertrag von Lissabon ab. Ich denke, sie taten das aus Angst, dass sonst jemand dahinter käme, dass sie den Scheiß nicht verstanden haben. Nach den ersten Zeilen dieses Schriftstückes möchte sich jeder normal gedankenvernebelte Mensch eher einen Brieföffner ins Herz rammen, als fertig zu lesen. Und ich erkenne hier die Vorteile einer Freundin mit juristischem Wissen. Sollte hier eine Anspielung von mit der Materie vertrauten Menschen gefunden werden, kann ich versichern: Das sollte sie auch und ihr dürft euch einen Keks nehmen. Alle anderen dürfen sich aufregen, dass nicht einmal ein allgemeiner Jahresrückblick von Insidern des Autors verschont bleibt. Fertig? Gut, dann kann’s ja weitergehen.
In diesem Sommermonat hatte man außerdem Gelegenheit, mittags besoffene Mittvierziger in der Stadt gegen sich aufzubringen, indem man einfach mal ganz ungeniert: „Spaaaaniieeeeen!“ rief. Und was war? Die deutsche Nationalmannschaft verlor natürlich gegen die Bewohner der Iberischen Halbinsel mit einer Frau und drei Freundinnen. Macht ja nix, war trotzdem keine schlechte Europameisterschaft. (Und doch nur ein billiges Plagiat der WM – da kommt nichts ran. (Und nur weil ich jetzt unbedingt eine Klammer in der Klammer haben will, frage ich: Gibt es irgendeinen Grund, nach Spanien auswandern zu wollen? (Jetzt mache ich einfach noch eine auf und sehe nicht mehr durch, will das aber trotzdem wissen.)))
Juli
Kann es sein, dass im Juli überhaupt nichts passiert ist? Ich meine, der Alkohol auf unserer Schulabschlussfeier wurde zu völlig illusorisch-astronomischen Preisen verkauft, also kann ich einen Erinnerungsverlust ausschließen. Immerhin gab es den Satz „Wir sind nur Freunde“ in modifizierter Form für mich. Es könnte nun sein, dass mich das in ein emotionales Tief brachte und ich meinen Juli damit verbrachte, bei heruntergelassener Jalousie wippend auf dem Bett Emocore zu hören, allerdings kommen auch an dieser Theorie leichte Zweifel auf, je länger ich mir dieses Szenario versuche, vorzustellen. Deshalb stelle ich euch die Idee des interaktiven Jahresrückblicks vor: Was ging im Juli? Sagt ihr es mir!
August
Fragte man mich, wie viel Sport ich denn treibe, so müsste ich antworten: In etwa so viel wie ein ungeborener Panda. Es ist an sich schon recht ungewöhnlich, wenn sich ein Panda sportlich betätigt, da die knuffigen Kreaturen es noch nicht einmal oft genug zum Poppen bringen (darum sterben sie ja aus!), bei einem Panda im Embryonalstatus sieht das natürlich noch ne Ecke weniger wahrscheinlich aus. Da verwundert es doch, dass ich gelegentlich bei Sport zuschaue, so wie es mir ein Gros der Menschheit im August dieses Jahres gleich tat: Olympia stand an.
Während also alle Spacken verschiedenster Nationen beim Hüpfen zuschauten, blendete man erfolgreich die politische Situation in China aus. Manchmal ist das aber direkt erleichternd, denn viele der Leute, die zum Beispiel den Zwang haben, „Free Tibet“ auf alles zu kritzeln, was schutzlos herumliegt, sind im Allgemeinen unglaublich nervtötend oder riechen nach Patchouli, was beides nicht angenehm ist.
September
Welch schöne Zeit für übertriebenes Sicherheitsgeschwafel von Berufsbesorgten: Google bringt einen eigenen Browser raus! Sicher ist das Zuweisen einer eindeutigen ID an jeden Nutzer nicht gerade das, was man als toll definieren würde, aber man braucht sich nur einmal in beliebigen Foren umsehen. Dort werden dann alle als behämmert abgestempelt, die Google keine Weltherrschaftspläne unterstellen. Wahrscheinlich wird bald jeder eingekerkert, der in einer Sache auch das Positive zu sehen vermag. Nun ja.
Auch die US-Amerikaner bewiesen einmal mehr, dass sie mehrheitlich einen an der Klatsche haben. So schafften es die sogenannten Jungs von Tokio Hotel doch wirklich in die US-Charts. Ich vergleiche das mit 13-Jährigen, die soOuU scHreiiBeN – irgendwann wird ihnen das peinlich sein.
Oktober
Oben fiel der Name schon einmal: Marcel Reich-Ranicki!!1 Er wollte den Fernsehpreis nicht haben und wetterte viel lieber gegen die Qualität des deutschen Fernsehens. Damit hat er auf seltsame und verstörende Art das gemacht, was Oliver Kalkofe schon seit Jahren in amüsant macht. Der Kerl findet aber Gehör, schließlich hat er Lebenserfahrung und liest viel! Dabei ging es ihm gar nicht um das Fernsehen an sich, sondern um das, was er an diesem Abend sah. Und was sollte der Auftritt als Telefonjoker von Thomas Gottschalk bei Wer wird Millionär, einer Sendung, der Reich-Ranicki sicherlich auch keine grandiose Intellektualität unterstellen würde? So kann ich ihm nur unterstellen, eine gewisse Medienhurigkeit zu besitzen. Und was hat das angebliche Erkennen des Scheißegrades des Fernsehens gebracht? Man schaue sich einmal das Freitagabend-Programm bei Sat.1 an, ich denke, dann weiß man auch das.
Ein Stichwort im letzten Absatz erinnerte mich daran, dass auch ich mich in diesem Monat aufregte: Über die widerlichen Verarschungsmethoden des weiblichen Geschlechts. Mittlerweile habe ich mich informiert und vermute nun, dass es derzeit irgendwie krass und angesagt ist, mit jedem zu flirten, obwohl man eh einen ganz anderen im Auge hat. Das würde ich nun wiederum gern mit Bestreitern der Tour de France vergleichen: Irgendwann fliegt ihr auf die Schnauze.
November
Die Autoren der Serie „24“ sind eindeutig Hellseher! Ein Afroamerikaner ist nämlich Präsident der USA geworden; hauptsächlich durch die Wiederholung des Satzes „Yes we can!“. Auch bei den Europäern konnte Barack Obama Begeisterung auslösen, als wären ihnen gerade der Vater, der Sohn UND der Heilige Geist gleichzeitig und gekleidet In Hawaii-Hemden erschienen. Ich hoffe, dass niemand suizidal wird, sobald die allgemeine Erkenntnis einsetzt, dass auch Obama zuerst einmal Politik zugunsten der USA machen wird. Doch was soll’s schon, Bush ist weg, und ich denke, schon allein diese Tatsache bringt eine Verbesserung. (Man sollte mit dieser letzten Phrase allerdings nicht zu leichtfertig umgehen, ich weiß zum Beispiel nicht, was passieren würde, wenn man vielleicht Heidi Klum mit dem Präsidentschaftsamt betraut hätte. Ich würde nicht ausschließen wollen, dass vergleichbares irgendwann möglich ist, und ich hab auch schon die zündende Idee für die angemessene Hohlbirnen-Politik: Zahlen wir doch Steuern für jedes Kilo, das wir zu viel haben!)
Dezember
Der Finanzkrise wurde die zweifelhafte Ehre des Wortes des Jahres zuteil. Da frag ich mich, was das Unwort werden soll, schließlich gibt es nichts, was mehr genervt hat. Sicher kann ich groß reden, weil mich die Scheiße nicht direkt betrifft, aber wer versucht, mit Geld zu arbeiten, das er gar nicht besitzt, ist irgendwo ja schon selbst Schuld. In einem Staat unter meiner Führung hätte ich die Banken einfach in den Ruin krachen lassen, statt sie mit dem Geld meiner Bürger zu fördern und wäre dafür vermutlich jetzt der meistgeächtete Mensch dieser Welt, aber das ging natürlich auch nicht, dafür sind sie im Land schon zu mächtig.
Weiterhin nutzt man den Dezember gern für schwachsinnige Jahresrückblicke und Neujahrswünsche, und ich schließe mich auch dem letzteren einmal an. Ich wünsche allen, die es bis hier unten ausgehalten haben ein frohes Neues. Dem Rest auch, aber die sehen’s ja nicht.