Warum ist es für den Standardjugendlichen eigentlich so uncool, ein sinnvolles und kreatives Hobby zu haben?
Vor einiger Zeit wurde ich einmal von einer wildfremden Person im ICQ angeschrieben. Da ich eh gerade mit einem Kumpel am Zocken war, antwortete ich ihr mal. Als die Frage kam, ob ich denn Hobbies hätte, antwortete ich wahrheitsgemäß mit „Fotografieren und Schreiben“. Darauf bekam ich nie wieder irgend eine Antwort, was mich zum Schluss bringt, dass kreatives Tun auf die Allgemeinheit einfach abschreckend wirkt. Die andere Möglichkeit wäre, dass sie bemerkt hatte, wie dämlich es ist, unbekannte Leute in 300 Kilometer entfernten Städten über das Internet penetrant anzulabern. Aber das glaube ich nicht.

Angesichts der Leute, die ich teilweise sogar noch im realen Leben kenne, bestätigt sich das nur. Dingen, die man ernsthaft Hobby nennen kann, geht kaum einer nach. Und um das mal klarzustellen: Auf Parties gehen, den Partner im Stundenrhythmus wechseln, sich von schwanzgesteuerten Kaugummibirnen verarschen lassen, Rumheulen – und das möglichst noch in Kombination, Chatten, Raubkopieren, Botnetzwerke programmieren und Bäume umarmen sind keine Hobbies.

Aber warum sucht sich niemand eine schöpferische Tätigkeit, und ist auch noch zufrieden damit?

Fehlende Zeit ist erst mal eine ganz bescheuerte Ausrede, und zugleich die am meisten verbreitete. Der Schulstress ist selbstverständlich Schuld! Ich frage mich jedoch, warum ich zum Beispiel im Moment Zeit hierfür habe, wenn man mal davon ausgeht, dass ich kein armseliges Kellerkind bin. So gut, dass ich nix tun müsste, bin ich in der Schule ja auch nicht. Diese Leute müssen lernen, dass es auch Wochenenden gibt, an denen man noch etwas anderes tun kann als Flatrate-Saufen im Felsenkeller. Vor ein paar Wochen gab es sogar Pfingsten, was 4 freie Tage schenkte. Viele meinen, dass auch das Treffen von ihren Pseudo-Freunden ein Hobby wäre, aber da liegen sie im Grunde falsch. Schlecht ist es ja nicht direkt, aber was entsteht da denn schon?

Ich finde Hobbies wichtig, um glücklich zu sein, was offenbar ein Ziel der meisten Menschen ist. Und beim Ausführen eines Hobbies muss etwas entstehen, aus eigener Hand, beziehungsweise Kreativität und Geistesanstrengung. Darum kann mir auch keiner erzählen, dass ihn z.B. Fußballspielen als Hobby wirklich erfüllt, denn auch da wird im Endeffekt nichts getan. Okay, wenn man sich nicht vollends behämmert anstellt, kann man Erfolgserlebnisse erlangen, akzeptiert. Wäre aber schade, wenn das alles ist, wofür gelebt wird. Ich glaube kaum, dass sich jemand, der nie was Eigenes entstehen lässt, ohne spezifische Genussmittel dauerhaft gut fühlen kann. Ich käme mir jedenfalls noch nutzloser vor, wenn ich nicht ab und an etwas schreiben würde, wofür ich gelegentlich sogar noch Lob bekomme.

Wie ich meine, fehlt einfach die Motivation, und viele sind noch nicht einmal selber daran Schuld.

Wo findet man den bitteschön noch den Antrieb, sich für etwas zu interessieren und was zu tun? Die Freunde machen ja auch nix, auch der geliebte Fernseher zeigt nur Telenovelas, in denen ein paar Twens in irgend welchen trendy Cafés rumhängen und danach in ihre schicken Apartments gehen, die sie sich aus unerfindlichen Gründen leisten können, um dort ein wenig zu vögeln.

Von den Eltern braucht man auch nichts in der Richtung zu erwarten.

Früher, als die Welt noch weniger fortschrittlich war, trieben die Erzeuger ihre Kinder noch an, später mal etwas für eine Entwicklung der Welt zu tun. Heute wollen die Kleinen mal Business-Kauffrau werden, so wie ihre Mutter, die kaum Zeit hat, dafür aber wahnsinnig viel Kohle ins Haus bringt. Die meisten von denen können das doch noch nicht einmal buchstabieren.

Es ist ein riesiger, gesellschaftlicher Verfall, der hier beobachtet werden kann. Leute sind mit einem unerfüllten Leben glücklich, das so viel besser sein könnte, wenn sie sich eine Tätigkeit suchten, die ihnen Spaß macht. Schwer ist das nicht. Und es würde wieder zu mehr Individualität und Kreativität, vielleicht sogar Intelligenz führen, wofür ich mich ja sehr einsetze.

Doch wo soll die Motivation herkommen, wenn man es nicht beigebracht bekommt. So wird es von einer Generation zur nächsten immer schlimmer. Wo nahm ich meine Motivation her? Ich glaube, ich öffnete einfach die Augen, und sah, dass es Leute gibt, die raus gehen, um zu fotografieren; Leute, die sich hinsetzen und was schreiben – und ich sah die tollen Resultate ihres Schaffens. Ich wollte nicht so sein wie die anderen. Ich hatte keine Lust, jeden Tag im Schwimmbad zu hocken, und hirnlos Mädchen anzubaggern. Ich kannte auch meine Erfolgschancen für solche Aktionen, und dachte mir, die Chance, etwas Kreatives auf die Reihe zu kriegen, ist ungleich höher.

Täte das jeder – ich meine, wäre jeder ein Individuum – hätten wir keine Probleme. Aber leider geht man ja immer noch nach der Masse, was irgendwie jeder anprangert, aber wo irgendwie keiner was tut. Macht doch den Anfang: Sucht euch ein Hobby! Schreibt über den Scheiß, der euch aufregt, auch wenn nur ihr es lest. Ihr werdet sehen, euch wird es besser gehen. Oder ihr bleibt einfach im Schwimmbad und geht mir im Bus mit euren Mobiltelefon-Pseudo-Ghettoblastern auf die Eier. Ich meine, ich weiß ja nicht, ob euch das nicht doch glücklicher macht. Oder ob ihr dann in 40 Jahren meint, dass ihr doch ganz schön viel verpasst habt, so mit eurer Cognacflasche auf dem Tisch.