Glück. Was soll das eigentlich sein? Ich hab mir darüber niemals große Gedanken gemacht. Für mich war es vielleicht Glück, ein neues Videospiel zu kaufen; oder früher, einen Freitagabend vor dem Rechner verbringen zu können. Das kann ich nicht genau sagen. Mich machten wohl die Dinge glücklich, die ich hatte. Aber ich weiß nun, dass alle die nicht allzu viel wert sind. Und damals hätte ich das auch schon wissen können.
Das bezeichnende am Glück ist ja, dass man damit in Berührung kommt, selbst wenn man keins hat. In der Schule beispielsweise. Wenn man sich für den Ethikunterricht entschieden hat, muss man einen ganzen Hefter zum Thema anfertigen – für jemanden, der das Glück noch nicht kapiert hat, eine einzige Qual. Gedichte, die man mit Glück verbindet, sollten beigefügt werden. Lieder, die es schaffen, in gute Stimmung zu versetzen. Farben, die Glück ausstrahlen. Sinnfreie Aufgaben, die ich nicht ohne Flunkern lösen konnte.
Einige werden sagen, Glück ist es, einen pervers großen Lottojackpot zu gewinnen. Das ist vielleicht auch mit Wahrscheinlichkeitsrechnungen zu erklären, aber hey: Geld macht zweifellos glücklich, das stimmt. Es gibt nun mal Sicherheit für die eigene Existenz, und kann gegen Waren eingetauscht werden; das denkbar beste, was man damit anstellen kann. Besitz macht nämlich auch glücklich. Meint man zumindest anfangs.
Geld geht halt auch irgendwann zur Neige, wenn man nicht aufpasst. Selbst wenn, ist es schwierig, seinen Geldbestand zu halten oder sein Vermögen zu mehren. Irgendwann merkt auch der Letzte, dass Geld eine hinterhältige Schlampe ist. Doch trotzdem geht es immer um Geld. Immer. Das hat das Leben in einer kapitalistischen Gesellschaft so an sich. Die paar Menschen, die sich mit monetärem Reichtum rühmen können, schafften dies auch nur durch Skrupellosigkeit oder unverdientes Erben der Geldmassen. Diese Leute sind nicht glücklich.
Klar, wahrscheinlich haben auch viele Reiche eine Tätigkeit nebst des Geldscheffelns. Golfspielen oder so. Hobbies sind ja ein wichtiger Punkt, der wenigstens erfüllt sein muss, damit man glücklich ist. Unter „Hobby“ fällt natürlich eine Menge; von Goldfischzucht bis Komasaufen oder eben Schreiben. Besonders viel Zeug, was man Glück nennen kann, beschert die Anerkennung dessen, was beim Ausüben des Hobbies entstand.
Damit das passieren kann, braucht man mindestens eine Familie. Menschen, die möglichst immer für einen da sind; für die man auch mal was tun kann, da dies auch „Glück“ bringen kann. Diese Menschen jedoch, die Brüder, Eltern oder Nichten, sind genetisch dazu veranlagt, einen zu lieben. Lebt man nicht gerade in einer völlig zerrütteten Familie, kommt man gar nicht umhin, diese Menschen mehr oder weniger an der Seite zu haben.
Das reicht nicht. Als Mensch ist man immer auf der Suche nach möglichst viel Bestätigung, die man vor allem durch die Liebe anderer Menschen bekommt; meist andersgeschlechtliche – Partner eben. Das Gefühl, verliebt zu sein, kommt dem Glücksgefühl wahrscheinlich am nächsten. Vielleicht ist es auch das Reine; ich denke, das ist dann gegeben, wenn die Liebe erwidert wird. Wie üblich findet das nur über einen kurzen Zeitraum statt, bis man weiterzieht, aber es reicht, um kurz glücklich zu sein.
Glück ist das höchste Streben der Menschen. Vielleicht ist also jede noch so kurze Beziehung zumindest am Anfang etwas wert – die Erfüllung des höchsten Ziels nämlich. In meinem Hefter stand es schon so: Glück ist, einen liebenden Menschen an der Seite zu haben. Was anderes ist es nicht. Geld ist schön, aber nur ein Nebeneffekt. Hobbies sind nett, aber wenn es einem mangels Liebe dreckig geht, bekommt man auch nichts auf die Reihe. Arbeit macht auch glücklich, kann sein; wenn’s Spaß macht auf jeden Fall. Aber was ist, wenn man nach der Arbeit gar nix hat?
Ich kann wenigstens behaupten, aus Erfahrung zu sprechen. Ich weiß, wie es ist, verliebt zu sein; so, dass ich mich auf den nächsten Tag freue und öfter grundlos lächle, die Musik aufdrehe und keine störenden Gedanken habe. Ich kenne das Gefühl, die geliebte Person zu sehen und nicht mehr vernünftig laufen zu können, weil die Beine unter ihren Blicken nachgeben und wie verdammt schön es ist, Zeit mit diesem Menschen zu verbringen. Ich glaube, ich kenne das Glück. Und es war mir sogar egal, ob meine Gefühle jemals erwidert würden.
Alles andere war nichts wert. Ich hab viel geschrieben in der Zeit, aber das tat ich nur nebenbei. Ich habe meine Prüfungen geschrieben, ohne großen Stress.
Aber ich kenne auch die andere Seite. Wie es ist, in einem Moment der Freude und Erwartung einen Schlag verpasst zu bekommen, der das gesamte wackelige Kartenhaus des Glücks einstürzen lässt und mich mitzieht in ein dunkles Loch, in dem „Anfang“ steht. Ganz unten angekommen, weiß ich nicht, wie ich jemals wieder ein Stück hochkommen soll.
Hat es sich also gelohnt? Ist es besser, sich für kurze Zeit super zu fühlen oder sollte man einen Grundzustand beibehalten; langweilig, aber geschützt vor den schlimmen Tiefschlägen? Ich weiß es nicht. Und ich verlange von keinem, es mir zu sagen. Es weiß sicher niemand. Viele Leute, mit denen ich zu tun habe, verlassen sich auf ihre Emotionen. Sie fänden ersteres sicher besser. Ich behaupte eigentlich von mir, mehr nach dem Kopf zu handeln, weil ich meist vorher weiß, was scheiße enden wird. Aber ich fang trotzdem immer wieder neu an. Umso grausamer ist es, auch wirklich jedes Mal unten anzukommen.
Ich bin unten. Und doch gefällt’s mir dort auf irgend eine Art. Bald seh ich das wohl anders.
