Geschichten schreiben ist normalerweise nichts, was ich mache. Aber man kann seinen Horizont ja mal erweitern und es wenigstens versuchen, zumal man glich einiges verarbeiten und kommentieren kann, was nicht in einen normalen Text passt. Ähnlichkeiten mit realen Personen sind ganz und gar nicht zufällig und normal ist auch was anderes. Und nen Titel gibt’s noch nicht. ;-)

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Erdnüsse und Versager

Er hob seinen Kopf und löste die Lippen endlich aus ihrer verbittert scheinenden, bleiern-geschlossenen Existenz. Seit mindestens 2 Stunden hat er nun nichts gesagt, während ich alle Erdnussflips aus der kleinen Schüssel auf dem Tresen aufgefuttert hatte, die zwar erbärmlich schmeckten, aber dennoch ein Zeitvertreib waren. Nachbohren bringt nichts, also ließ ich ihn griesgrämig seine Whiskeys schlucken. Und er bekam hier welche, da er den Besitzer kannte. Und so bekam ich auch welche, wobei vollkommen egal war, ob ich wollte. Heute wollte ich wirklich nur wissen, was sein verdammtes Problem war (und war im Grunde froh, dass er hier auf Totenstimmung machte, denn sonst hätte er mich als Weichling beschimpft, obwohl ich Whiskey einfach nur abstoßend finde und keine Angst vor dem Zeug hab, oder was er da immer zu sagen pflegt).

Die Zeit, in der wir schweigend an der verrauchten Bar saßen, nutzte ich natürlich zum Nachdenken. Warum kommt er hier rein, setzt sich hin, heult los und trinkt den ganzen Abend Whiskey ohne was zu sagen? So bescheuert, dass er das nur lustig findet, ist nicht einmal er. Hat er vielleicht eine unheilbare Krankheit? Dann wäre es besser, erstmal nicht nachzufragen. Oder es wäre besser, nachzufragen. Ich meine, woher soll ich das wissen? Es kommt nicht oft vor, dass Freunde mit unheilbaren Krankheiten in eine Bar kommen. Neue Freundinnen, ja, darauf bin ich immer vorbereitet. Also, bei den anderen. Aber Krankheiten? Wir sind 16 , mein Gott. Da stirbt man nicht.

Aber jetzt öffnet er ja den Mund. Ich hebe die Augenbrauen leicht an, die zugleich unter meinen Haaren verschwinden. Wenn man mich hier so sitzen sieht erscheine ich wohl wie ein Emo, wobei auch das dramatisierende Licht eine Rolle spielt. Dauert wahrscheinlich nicht lang, bis die erste Kirsche, die meint, dass die Emo-Szene ihren Ursprung im H&M hat, hier herkommt und mich mit ihren Problemen zulabert und mir ihre Narben mit Namen vorstellt. Heißt also, ich muss zum Friseur. Und ich hoffe, er hat jetzt mal etwas Klärendes zu sagen, sodass wir verschwinden können, bevor sich die Emo-Boys dazu gesellen und alle beginnen, sich gegenseitig anzufassen.

„Äh, Klausi… noch mal so’n Whiskey, bidde!“
Ja, man hört ihm das doppelte „d“ an; ich schreib das nicht so, weil ich 16 bin und das jeder macht, da der Deutschunterricht ja so doof ist und nach Fisch riecht und wir alle Rebellen sind. Er sprach so also den Kellner mit lächerlichem Spitznamen an, um noch so ein widerliches Gesöff zu kriegen. Idiot. Die Emos lauern doch schon hinter den Holzsäulen, ich kann ihre Kälte fühlen! Ich halte mich daher auch nicht mehr zurück.
„So, du Spast!“
Jo, auch mir rutschen ab und an die Proll-Sätze heraus.
„Du wirst mir jetzt sofort erzählen, was zur Hölle mit dir los ist, das es rechtfertigt, hier rumzuhängen wie… dein Vater oder so.“
Nein, der Trend hatte sich nicht auf die männliche Erzeuger-Seite verlagert; sein Vater ist Alkoholiker, daher war das jetzt recht böse. Offenbar merkte er das aber gar nicht, und sagte nun, was sein Problem ist; einfach so, ohne erkennen zu lassen, warum er nun 2 Stunden mentale Vorbereitung dafür brauchte. Hatte ich bereits „Idiot“ gesagt?
„Ich bin seit vorhin wieder… also, die Maria, die… hat mit mir Schluss–“
Und er brach tränen- und effektvoll ab. Leider war keiner da, den das ernsthaft beeindrucken könnte. Ich hielt es nur für schlechtes Schauspiel. Zur Erklärung: Maria war offiziell wohl seine Freundin, wobei ich „Freundin“ etwas anders definiere als eine „Kirsche, die er in der Woche paar mal trifft“; seine Worte. Seine Halb-Freundin war das eher, oder es war halt nur eine Freundin. Er erzählt nicht viel über solche Sachen und ich will noch weniger darüber hören. Aber was er denn unter Schlussmachen versteht, interessiert mich dann schon sehr.
„’Tschuldige die Frage, aber – wie?“
„Naja. Hat halt einfach gesagt, wir sollten uns nich mehr treffen.“
„Warum denn das bitte? Hat sie dich kritisiert und du bist wieder ausgetickt? Ich meine, damit kennst du dich ja aus.“
Tut er wirklich. Seinen Namen findet man in jedem Lexikon unter „kritikresistent“. Man kann es noch so konstruktiv formulieren – da ist es aus bei ihm.
„Ach, keine Ahnung. Und weißte was? Drauf geschissen!“, sagte er entschlossen.
„D- Drauf…? Und dafür brauchteste jetzt gefühlte 3 Tage und 50 Whiskeys, ja?“
Idiot, falls ich das noch nicht sagte.
„Jo. Jetzt kann ich wieder voran… also vor… vorgehen. Weiter, mein ich. Neu machen.“
„Klingt einmal, als wärst du völlig zu und dann, als hättest du sogar schon Pläne…“, sagte ich, wobei ich „Pläne“ leicht konspirativ betonte.
„Auf jeden Fall! Weißt doch, am Wochenende machen Sandra und Feli doch diese Poolparty. Und da kommen ja noch eiiiinige andere. Da… da kann ich… denk ich. Ja. Und du kannst da auch gleich noch bisschen Erfolg haben, bei der Anne.“
„Ich? Hat mich jemand eingeladen?“, gab ich vor, wissen zu wollen.
„Bissu nich?“, fragte er so betrunken wie man nur fragen kann und schien mir ein wenig zu ungläubig. Naja, so viel zu Konspirativem.
„Nun, ich glaub, wenn man zu irgendwas eingeladen wird, erfährt man das auch vorher, oder? Ja, und so war’s nicht.“
„Hä, hallo? Wollen die…? Die wissen doch wohl, dass du die Anne… da können die dich doch nich nich-einladen.“
„Ähm. Ist ja dein Abend, nehm ich zumindest an, aber ich glaube fast, dass ich auch Erzählenswertes für dich habe. Ich fürchte nur, du vergisst das und wir führen morgen noch mal das selbe Gespräch.“
„Ne! Nenene! Wobei… nimm’s lieber auf! Mit MP3-Player! Hast? Ok. Also, du bist nicht eingeladen!?“
„Genau. Ich meine, das ist schon ohne die Anne-Sache ganz gut. Erspart mir jedenfalls das Finden einer blumigen Umschreibung für ‘Ich hab’ kein’ Bock auf euren peinlichen Pseudo-Spaß’. So was ist nämlich ziemlich lästig, weißte? Aber du hast natürlich recht: Anne muss man da bedenken. Ich korrigiere, musste man. Ich hab dir doch mal erzählt, dass ich mit ihr ins Kino wollte.“
„War nix?“
Ja, das wäre schön gewesen. Beziehungsweise nicht, weil ich dann nicht hätte sicher sein können, was wirklich los war. Aber man lese selbst.
„Doch, doch! Wir waren dort, es war nett. Teuer, kalt, aber nett. Jetzt kommt’s aber erstmal: Danach; und zwar nicht etwa gleich danach, was weitaus weniger an Folter gegrenzt hätte – sondern 20 Stunden danach, bekam ich eine Nachricht. Im ICQ. Mit der tollen Frage, ob mir denn bewusst wäre, dass wir da im Kino als Freunde waren. Du verstehst?“, fragte ich rein retorisch. Diese Scheiße verstünde jeder betrunkene Vollidiot.
„Nö, hä? Warum machen die immer so was? Nich mehr treffen, wir sind nur Freunde, ich bin mit deinem versoffenen besten Freund abgezogen und jetzt schwanger, verklage dich auf Unterhalt weil ich grade lustig bin und hab übrigens Tripper, den ich dir gestern auch noch geschenkt hab.“
Wow. Das wäre ungeachtet den Umständen eine Bemerkung, die tatsächlich lustig, da gut formuliert war. Manchmal kann man mich durchaus noch beeindrucken. Den Hintergrund hatte er sich aber nicht aus den Fingern gesogen, so betreten, wie er jetzt auf den Tresen schaut.
„Hast du mir was zu sagen?“
„Hm? Nein. Weiter.“
„Ja, das war’s im Prinzip auch. Ich meinte, dass mir das natürlich klar ist und bla… aber seitdem hab ich nichts mehr von mir hören lassen. Sie genauso wenig. Falls du nich mehr kombinieren kannst: Funkstille!!!“, sagte ich abschliessend.
Nach ein wenig weiterem Smalltalk beschlossen wir, die Bar für heute zu verlassen. Mittlerweile ist’s auch schon Sonntag; 3 Uhr morgens, fürs Protokoll. Das heißt ja: Morgen beginnen die Schriftlichen Prüfungen. Also Kamera und MP3-Player gepackt, mir dem ich das gerade wirklich aufnahm und ab an die Haltestelle.

Ach, ich vergaß die obligatorische Vorstellung: Mein Freund heißt Frank und ist ein Idiot, mag aber Bahnfahren genauso, wie ich. 12 Nach 3 – da kommt sie auch schon.

… TBC. Demnächst.