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Prüfendes

Prüfungen sind ja im Prinzip kein Grund, euphorisch zu werden. Mathe und Naturwissenschaften kann man ohnehin nicht mehr lernen, wenn man es über die gesamte Schullaufbahn nicht kapiert hat, weil die Banknachbarin zu geil war (das war übrigens mein Grund, in Mathe abzurutschen. Hat sich bezüglich koitaler Freuden nicht gelohnt.).Und die Sprach-Fächer sollten nun wirklich kein riesiges Problem darstellen wenn das bessere Wort für den eigenen IQ nicht gerade „Intelligenz-Bodensatz“ ist. Die meisten bepissen sich natürlich trotzdem; bestenfalls dann auch erst ein Jahr vor den Prüfungen. Ich weiß sogar, warum. In deren Leben passiert ansonsten in etwa so viel wie in Kurt Kobains nach dem fünften April 1994, aber sie tun leider schlecht daran, das zuzugeben, sondern denken sich immer wieder kleine, nette und bis zur Debilität gesponnene Dinge aus, die sie beschäftigt erscheinen lassen. Oder sie schaffen es, selbst den vorher erwähnten Bodensatz aufzulösen, wenn sie ihr überzogenes Taschengeld beim Flatrate-Saufen in die Hölle schicken und hatten damit wieder nen Abend was zu tun. Da kommen eigentlich lästige Dinge wie Examen ja doch sehr recht, um Aufmerksamkeitshäppchen zu erhaschen. Schöne Sache, das.

Ich persönlich bin da anders. Ich werd mir Mathe mal anschauen und bleib dann auch mal ne Stunde über Chemie, aber ich mach nun mal keinen großen Hurricane drum und belästige den Cyberspace mit entsprechenden Statusnotizen, die mir nach 10 Minuten eh wieder peinlich wären. Hier bin ich wirklich eine große Ausnahme. Finden sich sonst immer noch zwei, drei Leute die über dem Bodensatz siedeln, ist es hier ganz aus. Genau wie Wut ein Hormon freisetzt, dass den IQ temporär senkt, schaffen die das durch eingeredete Aufregung. Oftmals ist die auch noch völlig ungerechtfertigt. Wer weiß, dass er außer in Sport überall sehr scheiße ist – und das ist, ohne was Böses zu wollen, ein zu großer Teil der Klasse – hat keinen Grund, sich ins Hemd zu machen. Wer dagegen weiß, dass er gut ist, sollte die Prüfungen ähnlich wie jede Arbeit werten. Womit wir wieder bei mir wären.

Als ich das Zimmer am ersten Prüfungstag betrat, merkte ich es schon in der Luft. Atmosphäre nennt sich das glaub ich und so langsam verstehe ich dann auch die Idee hinter „Love Is In The Air“, wobei ich diesen Song covern sollte – was gerade in der Luft ist, wird nichts weiter als „Idiocy“ sein. Die Schulbänke und Stühle sind ins Prüfungszimmer gebracht worden, um zusätzliche Plätze für die zu schaffen, die nicht schon eine Stunde eher kamen, um hinten sitzen zu können. Für die Normalen, wenn ich das mal so nennen darf. Ich war wesentlich später als die meisten da, stellte mein möglicherweise kompromittierendes Zeug im leeren Klassenzimmer ab und nahm lediglich Block, Stifte, Apfel und Trinkflasche mit. Das Biozimmer, das unter Androhung eines neuen Anstrichs genötigt wurde, als Prüfungszimmer zu dienen, lag praktischerweise nur 10 Meter den Gang hinunter, und was ich beim Betreten sah, fand ich schon fast wieder lustig, bevor ich zu dem Schluss kam, dass es traurig war.

Wie ich annahm, waren auf den hinteren Reihen nur Mädels platziert, die sich dort wohl bereits seit einigen Stunden vergnüglich eingerichtet haben. Das schließe ich zumindest aus den perversen Unmengen an Esskram, die da überall rumlagen. Sah ich genau hin, erkannte ich, dass sich so ziemlich alle eine Chinesische Mauer aus Keksen, Traubenzucker, extra importierten Obstsorten und Rumpsteaks gebaut hatten. Es hätte mich wirklich nicht gewundert, wenn irgendwer einen Grill ausgepackt hätte; leicht geängstigt war ich dennoch. Ich weiß ja nicht in welch wahnwitziger Geschwindigkeit diese Leute zu essen vermögen – ich bräuchte unter Berücksichtigung der Antiperistaltik mindestens fünf Stunden für einen dieser Vorräte. Was erwarten die eigentlich, das fragte ich mich.

Eine Weile war’s ja noch, bis der „Ernst“ losging. So hatten wir noch ein wenig Zeit, in der ich einige sogar zu beschwichtigen versuchte, sich mal nicht irre zu machen. Tolle Antworten bekam ich darauf: „Naja, duuu kannst das ja auch!“, war da zum Beispiel eine. Ja, klar kann ich das. Wenn er es nicht kann… naja, hatten wir oben schon. Wie wir die Zettel bekamen und welche auswendig gelernten Glückwünsche übermittelt worden sind, bedarf nun keiner Erläuterung; im Grunde nicht einmal einer Erwähnung, angesichts der läppischen Prüfung. Einfach war’s und die Eins habe ich sicher.

Zurück im Klassenzimmer aß ich meinen Apfel dann doch mal, verabschiedete mich von ein paar Leuten, die teilweise wohl ein büsschen angepisst ob meiner gelassenen Stimmung waren, die ihnen nämlich deutete, dass ich nun wieder ein paar freie Tage hab; Mittwoch nur kurz unterbrochen durch eine Prüfung in Deutsch.
Ok, obwohl ich das nicht gern tu, rede ich jetzt mal über das Wetter: Es war sehr heiß um diese Zeit, was ich atmosphärisch durchaus passend fand, also freute ich mich lediglich auf mein Zuhause und ein gekühltes Getränk beliebiger Art. Klar, Freude. Hätte ich eigentlich wissen müssen, dass es nach Verspüren dieses Gefühls immer ein wenig unschön wird. Gerade als ich geplant hatte, auf dem Weg ein wenig den Jungs von Panic at the Disco zu lauschen und mich nach Betreten der außerschulischen Welt nach rechts zu wenden, sah ich Anne genau da laufen. Das ist nicht sooo unvorstellbar, wie ich im Moment des Erkennens dachte, schließlich wohnen wir 300 Meter voneinander entfernt und haben daher aus logischen Gründen einen ähnlichen Weg, was auch irgendwie zur Unschönheit der ganzen Sache beiträgt. Dazu aber später.

Nun musste ich mir erstmal klar, was ich jetzt machen will. Also, jetzt. In dem Moment. Blood on the Ground von Incubus anwerfen, aufdrehen, sodass sie es gut hören kann, wenn es heißt „I don’t want to talk to you anymore/I’m afraid of what I might say“, einen Hörsturz riskieren und vorbeigehen? Hätte was gehabt, ja. Ich hab aber was nicht – genug Arsch dafür. In der Sonne rumstehen und depressiv schauen fand ich ebenfalls wenig erhebend, auch weil ich keine Lust auf Hautkrebs hab. Nicht, dass der Krebs sich jetzt diskriminiert fühlt, aber – ist zu verstehen, nicht? Ich werde also in normalem Tempo gehen und versuchen, ein Gespräch zu beginnen. God bless me.